von Viktoria Balon (Kommentare: 0)

VORGESCHOBENE SORGEN

 

 InZ: Wie spricht man als aufgeklärter, liberaler Mensch mit diesen „besorgten Bürgern“? Soll man ihre Sorgen ernst nehmen und verstehen?

Th.: „Besorgte Bürger“ würden Flüchtlingen helfen. „Besorgte Bürger“, die hetzen, sind keine. Deren „Sorgen“ sind vorgeschoben; sie wollen auch nicht verstanden werden, sie wollen Anhänger haben; mit ihrem Scheiß gewählt werden. Was soll man da sprechen? Linken wird vorgeworfen, sie hätten versagt, weil sie sich nicht genug um die Populisten gekümmert hätten. Was für ein Quatsch. Wie soll man sich etwa um Gruppen von Neonazis kümmern? Wenn man auf solch „besorgte Bürger“ einen genaueren Blick wirft, sieht man, dass sie meist auf Gewalt aus sind; die sich ihre Stiefel anziehen und auf dem Weg in die Disco Obdachlose oder Ausländer zusammenschlagen oder Flüchtlingsheime anzünden. Als ob die mit einem reden wollten! Es gibt ein paar Filmemacher, z.B. Thomas Heise, die da hinein gingen und Personen fanden, die auf dem Sprung waren, auszusteigen. Die wollten reden und taten es auch. Sonst kommt man an sie auf keine Weise ran; auch nicht an Frau Petry, die damit „argumentiert“, dass sie sich um die Sorgen der Leute kümmert mit Schlagworten wie „Lügen-Presse“, die das angeblich nicht täte. Solche Leute wissen ganz genau, dass es nicht stimmt, was sie sagen. Darauf gibt es nur Antworten von derselben Grobheit: „Lügen-Fresse-Petry“ also, anders würde ich sie nicht nennen. U.a. deswegen ist das neue Wort „postfaktisch“[1] so bescheuert. Das Wort „kontrafaktisch“, das wir bisher benutzt haben, ist viel zutreffender. Alle diese Gruppen und Verbände, die primär an irgendetwas „glauben“, leben ganz bewußt im Kontrafaktischen, also mit Sachen, die ganz klar nicht stimmen; ob das die Auferstehung von den Toten ist oder die Behauptung, alle Flüchtlinge seien Sozialschmarotzer. Deswegen kann man sie auch nicht widerlegen. So wie man nicht mit Tatsachen der Evolution gegen die christliche Behauptung der Erschaffung der Welt in sieben Tagen argumentieren kann. Könnte man das, wüssten die Gläubigen nach drei Minuten, dass es nicht stimmt, was sie sagen. Und die rechten Hetzer wüssten, dass sie nicht „das Volk“ sind.

Man kann solchen helfen und mit solchen reden, die auf der Kippe stehen. Diese trifft man überall, in der eigenen Nachbarschaft, in den Schulen, da kann man reden. Man kann mit allen reden, die zweifeln, die nicht wissen, wo es lang geht, da lohnt es sich; und dies geschieht auch.

InZ. Es ist in der aktuellen Debatte oft nicht einfach, gegen beide Ideologien -  die muslimisch- fundamentalistische und die der AfD - zu argumentieren. Gibt es einen gemeinsamen Nenner?

Th: Da sehe ich keine Schwierigkeit. Man kann selbstverständlich mit ähnlichen Argumenten arbeiten. Diese Gruppen wollen an erster Stelle immer, dass irgendjemand weg soll. Diese Forderung ist immer gleich, egal im Namen welcher Ideologien sie vorgebracht wird. Die AfD-ler sagen: „Muslime raus!“ - Pegida hat das im Namen. Und die Islamisten sagen: „Alle, die nicht auf eine bestimmte Art und Weise Allah anhängen, auch abweichende Muslime, sollen weg, sie  haben kein Lebensrecht.“ Das ist nicht nur ein ein tiefer Antidemokratismus, es ist kriminell. Wer so redet, negiert prinzipiell die Gleichheit von Menschen.

Wobei daran zu erinnern ist, dass die momentan so hoch gehängten „Europäischen Werte“ in Deutschland beispielsweise vor 70 Jahren noch nicht galten, keine Spur von diesen Werten war damals da; die Juden und Roma und andere hatten hier kein Lebensrecht. Und wenn man sagt, Deutschland steht heute weit vorne bei den demokratischen Werten, dann muss man dazu sagen: die haben wir zwangsweise von Amerikanern, Briten und Franzosen gelernt, die das Land nach dem Krieg besetzten. Und die meisten hier sind tatsächlich nach und nach demokratisch geworden.

Also kann man Dschihadisten oder einer Frau Petry mit demselben Argument entgegen treten: Ihr wollt, dass „die Anderen da“ verschwinden? Das ist despotisch; das ist Morddrohung. Ihr seid Tyrannen!

InZ: . In Ihrem Buch "Das Lachen der Täter: Breivik u.a.: Psychogramm der Tötungslust" untersuchen Sie die aktuellen Mordtaten - eine extreme Form des Wunsches, dass „der Andere“ verschwindet.  Wieso kommen die Täter immer aus denselben Ideologien?

Th: Ideologien töten nicht, es sind Menschen, die töten, noch genauer: Körper, die töten. Sie töten für die eigene vorübergehende Stabilisierung, für die Überwindung der Angst vor der eigenen Auflösung - vor körperlicher Fragmentierung.  Die Quelle dieser Angst ist eine Grundstörung - der Begriff stammt aus der Psychoanalyse kind­licher Störungen, die von den Balints, von Margaret Mahler, Melanie Klein und anderen entwickelt wurde. Ein durch Prügel, Ablehnung oder Drohungen  traumatisiertes Kind und später der Jugendliche verbleibt in einem Körper, der geplagt wird von übermächtigen Angstzuständen, und in dem sich keine Libido entfaltet, die lustvoll auf die Außenwelt reagieren kann. Die zerstörte Körperlichkeit hat kein liebendes Verhältnis zu sich selbst, keine positive Erfahrung der eigenen Haut, das macht ein Liebesverhältnis zu anderen Körpern so schwierig. In meinem Buch „Männerphantasien“ ist diese Angst von Fragmentierung ausführlich untersucht und beschrieben, wie diese jungen Männer ihre Unsicherheit und ihren Selbsthass durch Gewalt nach außen kehren. Wobei ihre Sexualität selber gewaltförmig wird. Gegen die Drohung des psychischen Verschlungenwerdens panzert sich dieser Körper muskulär, durch Drill oder auch Sport. Diese Stabilisierung bleibt bei den meisten aber brüchig und es kommt zum Punkt, wo sie es nur noch durch Gewaltausübung schaffen, wo getötet werden muss. In diesem Punkt gleichen sich die Täter, die ich untersuchte, ob es nun Breivik ist oder die Dschihad-Killer. Deren Ideologien dienen meiner Meinung nach nur zur Rechtfertigung. Wunderbar, wenn man für das eigene Morden den Auftrag einer höheren Macht einsetzen kann; dann ist die eigene Schuld  weg. Wobei die Täter oft ihre Begründungen von jemandem abschreiben – wie es Breivik in seinem 1.500-Seiten-Manifest gemacht hat. Aber es geht um Stabilisierung eigener Körperlichkeit, das ist primär, deshalb lacht der Täter oft bei seiner Tat, er ist berauscht davon, in einem explosiven Akt aus seiner brüchigen wie auch gepanzerten Körperlichkeit herauszukommen. Ob manche Selbstmordattentäter, die sich ja wirklich auflösen, tatsächlich glauben – von ihren Führern ermuntert – am nächsten Tag mit 72 Jungfrauen im Paradies aufzuwachen, weiß ich nicht. Von dort haben wir noch keine Interviews und kein tägliches Getwitter.

InZ: Was denken Sie über dieses sich immer weiter verbreitende neue Macho-Ideal, das sich zuerst bei Putin und jetzt bei Trump zeigt? Heute  fragt auch das Springer-Blatt „Die Welt“: "Warum haben linke Männer keine Eier?"  Ist dieser Appell „männlich sein“ ein Teil des rechten Populismus?

Th: Sicher ist „Eier haben“ rechts; wie rechte Führungsfrauen damit klarkommen – don't know. Aber die Formel kommt nicht unbedingt von Putin oder Trump her. Es war Oliver Kahn, der mal auf einen Verteidiger der eigenen Mannschaft losging. Später im Interview sagte er, der hätte keine Eier und verlangte, dass die Bayern Eier haben sollten. Der Spruch wurde so von Oliver Kahn und „Bild“-Schlagzeilen popularisiert. Ob Linke keine „Eier“ hätten? Die Linke in den 70ern war durchaus militant; nicht unbedingt gegenüber Frauen, sondern gegenüber dem Macho-Prinzip selber. Es gab dann eine andere Männlichkeit: eher pazifistisch; der „Softie“ wurde geboren; konnte aber jederzeit bereit sein, sich mit Gewalt auseinanderzusetzen. Wenn heute Überlegenheitsgefühle etwa gegenüber Homosexuellen neu geschürt werden, baut sich ein Machismus neu auf, es ist aber kein neuer, es ist der alte. Ja, der Aufruf an die starken Männer ist rechte Ideologie.

InZ: Und sie erstarkt  in Deutschland wieder?

Th: Da habe ich Zweifel. Ich bin alt genug, mich an die deutsche Nachkriegsgesellschaft zu erinnern, die immer gegen Randgruppen in Stellung zu bringen war. In den 60ern spitzte es sich zu auf die Studenten. In „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“ sang Wolf Biermann: „Die Kugel Nummer Eins kam aus Springers Zeitungswald“. Bei einer Stuttgarter Straßenumfrage der Tagesschau von 1977 hörte man auf die Frage „Was tun mit den Studenten?“ Bürgerantworten wie:  „Auf der Flucht erschießen“, „Vergasen“ „Geht nach drüben, verschwindet“. Bis Ende der Siebziger war der Prozentsatz solcher Menschen hoch. Bis die grüne pazifistische, die ökologische Kultur und besonders der Feminismus sich in vielen Bereichen durchsetzten. Ab da gab es einen Wandel, der Giftpegel sank - wie ich das nenne. Es gibt viel mehr Leute heute, die liberaler denken als damals. In den 60ern war die Hälfte der Gesellschaft rechts bis rechtsradikal. Und heute, wie Umfragen sagen, etwa 25%. Meiner Meinung nach ist das rechte Potenzial zurückgegangen. 1972 hatte die NPD 12 % im Landtag und ist dann verschwunden. Auch die AfD war schon am Verschwinden, und bekam wieder Aufschwung nur durch die angeblich Millionen Flüchtlinge in Deutschland; vor allem aber durch das Internet. Früher gab es nur diese Blättchen, wer las die schon? Heute haben sie die Möglichkeit, alles zu kommentieren. Wenn vor 20 Jahren ein Heim angezündet wurde, haben die Zeitungen kritisch geschrieben und es dann vergessen. Heute gibt es viele Leute, die schreiben auf Facebook: „Prima, weiter so, mehr Heime sollen brennen“ und sie werden gelesen. Es gibt ein neues rechtes Bewusstsein, das einen anderen Umgang mit dem Öffentlichen gelernt hat. Aber das rechte Potenzial ist zahlenmäßig nicht gewachsen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat neulich eine Untersuchung publiziert: 77%  der Bevölkerung sind gegenüber Migranten nicht feindlich. Aber 40 % haben etwas gegen den Islam – sie wollen nicht, dass sein Einfluß wächst.

InZ: Es gibt tatsächlich viele Ängste in der Gesellschaft, die Populisten ausnutzen. Woher kommen sie?

Th: Einen Punkt kann ich nachvollziehen. Fast alle haben eine bestimmte Angst vor Fremden. Gewalt existiert real, sie haben damit eigene Erfahrungen. Es gibt Verbrecher, unter Einheimischen wie auch unter Migranten, es wäre blöd, das zu leugnen. Und Statistiken beruhigen nicht, selbst wenn sie sagen: Es sind nicht überwiegend die Fremden, die kriminell sind. Es hilft, wenn man die Menschen, die man trifft, kennt. Wenn man weiß, der wohnt da und da, ein paar Häuser weiter, man trifft ihn oder sie öfter im Laden, dann hat man nicht mehr gleich Angst, wenn ein Ast vor der Haustüre knackt. Ängste verschwinden durch Berührung und Kontakt. Deshalb ist es gut, wenn Migranten mehr in die Vereine gehen. Aber Kontakte sind auch überall im Alltag möglich, angefangen beim freundlichen Blickkontakt in der Straßenbahn.

 

Der Autor:
In den 70er Jahren legte Klaus Theweleit in seinem zweibändigen Werk „Männerphantasien“, ein Bestseller in linken und alternativen Buchhandlungen, eine neue und ganz eigene Faschismusdeutung vor.

Das Buch wurde immer wieder aufgelegt und in zahlreiche Sprachen übersetzt, unter anderem ins Amerikanische, Serbokroatische, Holländische, Schwedische und Italienische.
1998-2008 lehrte Theweleit als Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Er lebt und arbeitet als Kulturtheoretiker und freier Autor in Freiburg und nimmt regelmäßig Lehraufträge an in Deutschland, den USA, der Schweiz und Österreich.
In seinem neuesten Werk, „Das Lachen der Täter“ (2015) greift Klaus Theweleit seine Thesen aus den „Männerphantasien“ wieder auf.

 

[1] Der Begriff postfaktische Politik bezeichnet ein politisches Handeln, bei dem Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen. In einem postfaktischen Diskurs wird gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte.

 

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