von Manana Baramidze (Kommentare: 0)

Warum ich das Wort „Heimat“ ermorden möchte

InZ Debatte

Als erstes möchte ich im Voraus versichern, dass ich hier nur versuche, meine rein subjektive Sicht darzustellen und keinesfalls vorhabe, jemanden zu bevormunden, was man unter dem Wort „Heimat“zu verstehen und was man mit ihm alles anzustellen habe. Obwohl ich zugegeben überaus glücklich wäre, wenn wir alle dieses Wort für die Ewigkeit aus unserem herkömmlichen Wortschatz streichen, ja sogar gerne töten würden. Nun, ich kann - zum Glück - niemanden zum Mord zwingen. Kommen wir dazu, die Frage zu beantworten – warum denn?

 

Kaum ein anderes Wort ist mit derartigen kontroversen Inhalten beladen, wie das Wort „Heimat“. Es ist alles und nichts. Es stellt sich die Frage, ob etwas, was alles und gleichzeitig nichts ist, was sich permanent in seiner Form und in seinem Inhalt wandelt, etwas konkretes sein kann. Etwas zu dem man eine lebenslange Bindung aufrecht erhalten sollte? Kann dieses Etwas, etwas Fassbares, in Worten beschreibbar sein? Oder gar Etwas was man fühlen kann? Denn die Gefühle sind wahrscheinlich die konkretesten Empfindungen des Menschen.

„Heimat“ ist für mich ein rein ideologischer Begriff. Aber eine festgefahrene Ideologie führt bekanntlich den Menschen zu Diktaturen, zu Faschismus, zu Ausgrenzung von Anderen, zu einer geschlossen Gesellschaft. Kann das Dorf, in dem ich aufgewachsen und nicht geboren(!) bin, die „Heimat“ meines guten deutschen Freundes sein, der sich dort so wohl und heimlich fühlte? Würde er nicht komisch angeschaut werden, wenn er dies behauptete? Oder würde er des Exotisierens eines fremden Ortes bezichtigt? Also, wir würden ihn schlicht ausgrenzen, ihm keine Möglichkeit geben, seine Heimat auszuwählen, wie man das auch manchmal mit uns, den „Weggegangenen-Angekommenen“ tut.

Wenn ich versuche mir sie (die Heimat) vorzustellen, sehe ich einen riesigen, weichen Pelzmantel, hinter dem man sich den schönsten, wärmsten, geborgensten Ort vorstellt. (Haben wir nicht alle eine ewige Sehnsucht nach der Gebährmutter?) Mit einem gewissen Schuss von Nostalgie. Ein Ort, in dem einfach alles anders - gut und besser ist - als hier und gerade jetzt. Dieser Ort kann aber nur existieren, weil wir nicht uns in im drinnen befinden. Das heißt konkret, wir sind außerhalb dieser Phantasie, wir sind nicht drinnen um wirklich zu wissen, was sich wirklich alles hinter diesem Pelzmantel befindet, sondern wir sind draußen. Wir sind in der „Fremde.“ Nur die Existenz diese „Fremde“ gibt uns die Möglichkeit eine Phantasie der „Heimat“ für uns zu schaffen. Wir berauben uns dadurch jeglicher Flexibilität, unsere „Heimat“ auf emotionaler Ebene unabhängig von dem „Fremden“ zu begreifen. Fixiert auf die Phantasie von „Heimat“ bleiben wir ewige abhängig vom „Fremden“. Wollen wir das?

Die Existenz der Heimat als einem nur rein geographischen Ort wird selten in Frage gestellt. Dieser Ort existiert für meisten von uns selbstverständlich. Dabei sollte es natürlich nicht nur den Ort meinen, wo wir geboren sind, sondern den, mit dem uns existenzielle Banalitäten verbinden, und ich möchte sehr laut sagen, das sind die soziale Bindungen: Die Eltern, die Großeltern, Die ersten Freunde, die erste Liebe, und überhaupt die erste Auseinandersetzung mit der Welt. Eine reise in die Kindheit. Was aber, wenn für die Entwicklung meiner Persönlichkeit, „die zweiten“ Freunde, die „zweite“ Liebe, die „zweite“ Auseinandersetzung mit der Welt eine wichtigere Rolle spielen? Na ja, und das mit den Eltern, früher oder später besucht man deren Gräber mit einem Blumenstrauß.

 

Das sind nur sehr wenige, aber wichtige Diskurs-Ebenen zum Begriff „Heimat“. Aber schon wegen der oben aufgezählten Schäden, die er anrichtet, möchte ich ihn umbringen. Ich möchte ihn umbringen, um mich nirgendwo fremd zu fühlen. Um nicht meine Erlebnisse und Erinnerungen als Prioritäten aufzuzählen. Weil sie alle gleich wichtig sind.

 

Wie wäre es, wenn wir dieses Wort einfach mit „Zuhause“ ersetzten? Was würde sich alles ändern? Wie flexibel, unbegrenzt in Zeit und Raum, würden wir alle werden mit unseren „Heimat“-Gefühlen?

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